Die Vereinbarkeitsfrage – mit Heidi Siller

Tuesday, July 29, 2014 0 0

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Heidi Siller ist 38 Jahre alt und Doktorin der Germanistik.
Nach einigen Jahren in der Markt- und Meinungsforschung hat sie sich nach der Geburt ihres Sohnes Adrian (*2007) selbstständig gemacht. Sie betreibt ein Schreibbüro, und bearbeitet Aufträge von verschiedenen Forschungseinrichtungen wie GFK Austria, Forba und aktuell dem Institut für Kulturmanagement und Kulturwissenschaft.
Ihre große Leidenschaft ist das Schreiben. Ende 2013 erschien ihr erster Roman “Geboren in Bozen” bei epubli, in dem sie die Erfahrungen rund um die Extremfrühgeburt ihres Sohnes aufarbeitet.

Heidi Siller ist verheiratet und lebt in Wien Floridsdorf.

Du hast ein Buch über die Frühgeburt Deines Sohnes geschrieben. War dieser Schritt für Dich wichtig, um damit quasi “abzuschließen” und Dich Neuem widmen zu können?

Heidi: Ja, das war eigentlich der Hauptgrund für dieses Buch. Bevor ich alles niedergeschrieben habe, befand ich mich quasi in einem “Nachdenkzwang”, das Geschehene immer und immer wieder geistig aufleben zu lassen. Es war mir dabei auch irgendwie wichtig, nichts zu vergessen und alles „festzuhalten“. Es war eine Grenzerfahrung, die mich verändert hat. Die sehr viele schwierige, aber auch schöne und sehr tröstende Momente hatte.

Nachdem ich immer schon gerne geschrieben habe, war das mein Mittel der Wahl, um dieses Ereignis zu bewältigen. Es war auch eine Art der Therapie, ich habe dabei ab und zu auch geweint. Seitdem das Buch fertig ist, habe ich mit dem Thema natürlich nicht
komplett abgeschlossen, aber es spielt eine deutlich geringere Rolle für mich. Das ist ein sehr befreiendes Gefühl. Insofern ist die Aufarbeitung geglückt. Und ich hoffe, das Buch kann anderen Frühchen-Eltern vielleicht ein bisschen weiterhelfen.

Würdest Du behaupten, dass der Wiedereinstieg in den Beruf nach einer Frühgeburt schwieriger ist als nach einer gewöhnlichen?

Heidi: Ich glaube, dass ein sehr früher Wiedereinstieg in den Beruf schwieriger ist. Mein Sohn war stark entwicklungsverzögert. Er konnte beispielsweise erst im Alter von 2 Jahren normal essen, weil er sehr lange Schluckbeschwerden – ausgelöst durch die Beatmungsgeräte – hatte. Er konnte auch erst rund um den zweiten Geburtstag sicher gehen und ein halbes Jahr später fing das Sprechen an. Er brauchte sehr lange intensive Betreuung und auch Therapien wie Physiotherapie, Ergotherapie und Frühförderung. Dazu kam, dass uns auch abgeraten wurde, ihn zu früh mit vielen Gleichaltrigen betreuen zu lassen, da seine Beatmungslunge zu diesem Zeitpunkt möglichst wenig Keimen ausgesetzt werden sollte. Der Kindergartenstart mit drei Jahren war dann aber gar kein Problem mehr, in diesem Alter hatte er zu den Alterskollegen aufgeschlossen.

Kann man sich mit Kindern im Haus überhaupt auf das Schreiben konzentrieren? Wenn ja, wie machst Du das?

Heidi: Zum Schreiben brauche ich sehr viel Ruhe und Zeit, das mit Kind im Haus ist schwierig. Ich schreibe entweder dann, wenn mein Kind in Betreuung ist und ich gerade etwas Luft zwischen meinen Aufträgen als Selbstständige habe, oder eben in der Nacht. Ein längerer Text wie mein Roman „Geboren in Bozen“, ist jahrelange und auch komplexe Arbeit, bloggen ist für mich dagegen ein reines Vergnügen.

Was müsste sich ändern, damit Familie und Karriere allen Frauen möglich ist?

Heidi: Das ist schwer zu beantworten, weil jedes Kind und jede Familie andere Voraussetzungen und Vorstellungen hat. Es muss wohl jeder sein spezielles Modell finden, mit dem die Beteiligten glücklich sind. Und man muss sich leider eingestehen, dass es die eierlegende Wollmilchsau auch hier nicht gibt.

Natürlich ist ein breites Kinderbetreuungsangebot Grundvoraussetzung, aber damit ist es ja oft nicht getan. Speziell wenn man mehrere Kinder hat, muss man leider auch mit vielen Krankheiten rechnen, und die Pflegetage können zum Problem werden. Einspringende Großeltern sind seltener geworden (und nicht jeder will das auch), Nannys sind teuer und gerade kranke Kinder wollen oft am liebsten von den eigenen Eltern versorgt werden. Hier erweist sich meine Selbstständigkeit schon als Vorteil, da ich meine Arbeitszeit selbst einteilen kann. Allerdings bedeutet das auch Nachtschichten und Wochenendarbeit. Ändern sollte sich in jedem Fall das Bild von Frauen und Müttern in der Gesellschaft.

Ich persönlich habe oft das Gefühl, dass Frauen es in den Augen von vielen Menschen immer falsch machen. Es werden Hausfrauen dafür kritisiert, dass sie nicht arbeiten, und Berufstätigen oft vorgeworfen, dass sie zu wenig für ihre Kinder da sind Es wäre schön, wenn einfach eine gesamtgesellschaftliche größere Akzeptanz da wäre, für die Lebenswege von Frauen. Damit meine ich durchaus auch mehr Verständnis untereinander.

5. Wie zufrieden bist Du mit dem Angebot an Kinderbetreuungseinrichtungen?

Heidi: Ich persönlich bin sehr zufrieden, weil wir durch die Firma meines Mannes einen Betriebskindergarten zur Wahl hatten, der kaum Schließtage und umfangreiche Betreuungszeiten offeriert hat. Außerdem war die Betreuungsqualität sehr gut und persönlich. Ab kommenden Herbst haben wir uns für eine offene Volksschule in der Wohnumgebung entschieden. Mir gefällt, dass die Abholzeiten dort sehr flexibel sind: die Kinder können nach dem Unterricht, nach Mittagessen & Lernstunde oder dann nachmittags zu verschiedenen Zeiten abgeholt werden. Das kommt mir als Selbstständige mit schwankendem Arbeitsaufkommen sehr entgegen, weil es eben kein starres Modell ist.

Wann stehst Du auf und wann gehst Du schlafen?

Heidi: Ich stehe gegen 6.30 auf und gehe meistens um 23 Uhr ins Bett.

Würdest Du sagen, dass Du ohne einen Partner die gleichen Möglichkeiten gehabt hättest? Oder ist eine Aufteilung alltäglicher Aktivitäten unumgänglich, damit alles funktioniert?

Heidi: Ich glaube, dass es im Leben immer leichter geht, wenn man jemanden hat, der für einen da ist und auf den man zählen kann. Ich schätze an meiner Partnerschaft, dass wir uns einerseits sehr viele Freiheiten lassen, damit sich jeder auf seine Weise entfalten kann und andererseits, dass wir uns dabei bestmöglich unterstützen. Dazu gehört auch natürlich auch die Aufteilung von Pflichten und Verantwortung.

Sind Mütter die besseren Manager?

Heidi: Ich bin kein Fan von solchen Pauschalurteilen. Ob jemand gut managen kann, hängt in erster Linie von seiner Persönlichkeit und dem individuellen Talent ab, nicht vom Geschlecht. Ich glaube aber, dass ein Kind in vielen Fällen seine Eltern dazu bringt, pragmatischer zu werden. Denn die Versorgung eines Kindes bedeutet sehr viel an Organisation, neben all den anderen Dingen, die zu erledigen sind. Ich glaube, man wird vorausschauender und systematischer. Zumindest dann, wenn man das Chaos möglichst umgehen effizient umgehen will.


“Die Vereinbarkeitsfrage” ist eine Serie, in der arbeitende Mütter protraitiert werden. Sie beschreiben, wie sie Karriere und Familie unter einen Hut bringen und zeigen auf, welche Veränderungen notwendig wären, um Frauen beides problemlos zu ermöglichen.